Page 8 - Ausgabe_06_2018
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MICHAEL GRAETER
                                                                                                                                                                                                                SÜNDEN & SCHÖNES
                                                                                                                                                                                                                SÜNDEN & SCHÖNES






































               DER VERSPÄTETE MAIBAUM AUF DEM MARKT AM WIENER PLATZ


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               Der 1. April bleibt der 1. April. Der 24. Dezem-  abgeordneter  Wolfgang  Steffinger, Bezirks-
               ber ist der Heilige Abend und wird an diesem  rätin Ingrid Linder, Klaus Hirth (einst jüngs-
               Datum unverrückbar zelebriert. Am 1.Mai wird  ter Stadtrat von München ),  Otto Seidl
               in Bayern seit Jahrhunderten der Maibaum  und  Prof. Dr. Hans Theiss (alle CSU) so-
               aufgestellt, aber auch immer am 1.Mai mit ei-   wie  Wolfgang Heubisch,  Gerhard Rippl                              VIER VERLASSENE ROLLTREPPEN VERSINKEN IM DRECK UND WILDWACHS DIREKT IN DER MAXIMILIANSTRASSE
               ner Reihe von Gebräuchen. Da muss ein guter,  und  Gaby Neff (alle FDP),  Silia und
               langer Baum gefunden und hergerichtet wer-      Ricke Steinberg (Hofbräukeller), Muster-                            SCHANDFLECK 4
               den und wenn der weißblaue Lokal-Eifelturm  standlfrau Sabine Schropp (macht die besten
               aus Holz fertig ist und noch am Boden liegt,um  Fleischpflanzl  Münchens).  Apropos  Maibaum:                       Im Herzen von München, wo die Stadt am ex-      Zeitungsverkäufer an der Treppe und auf der
               ihn aufzustellen, wird er bewacht wie das Fort  Im „Augustinerkeller,“ wo einst Sigi Sommer                         klusivsten, teuersten und einzigartigsten  ist,  Händlerschürze steht, dass das Plakat vom
               Knox.  Wird  der  Maibaum  professionell  über  seinen Stammtisch hatte, erlebten die Gäste                         widern einen vier vergessene Rolltreppen an,  Kulturreferat der Landeshauptstadt München
               Nacht gestohlen, dann sind flüssige Lösegel-    an diesem 1. Mai 2018 eine köstliche Irritation.                    die  für  180000  Euro  Stückpreis  an  der  Kreu-  stammt. Eines war schon immer klar: Die Un-
               der  fällig.  Mai  o  Mai:  Zum  ersten  Mal  in  der  Ganz Schlaue wollten den Maibaum des                         zung  Maximilianstraße/Karl-Scharnagl-  und  terführung für Fußgänger war ein Total-Flop.
               bayerischen  Maibaumgeschichte  wurde  das  Münchner Großbiergartens von Christian und                              Thomas-Wimmer-Ring in den unbenützten  Manchmal dient der verlassene Keller jedoch
               neue Wahrzeichen zwischen den Marktstandln  Petra Vogler stehlen, schnappten aber den fal-                          Fußgängeruntergrund verbaut wurden. Seit  für Veranstaltungen ganz abgefahrener Zeit-
               am Wiener Platz mit noch nicht dagewesener  schen, nämlich den alten von der letzten Saison                         Jahren stehen diese Rollis still und inzwischen  genossen. Besser wäre ein Autotunnel gewe-
               Verspätung aufgestellt. Erst am 5. Mai war es  und hatten sich zu früh gefreut. Als die Baum-                       macht sich Fauna und Flora breit. Bambus und  sen und die Fußgänger hätten oben drüber
               soweit. Der Grund dafür war eine Zwistigkeit  räuber am Telefon Biergeld forderten, teilte ih-                      anderes Grün verdeckt das gerillte Eisen der  spazieren können. Der Tunnel an der Maximi-
               zwischen Behörde und Feuerwehr und letztere  nen der Wirt lässig mit, dass der neue Maibaum                         Treppen und der Schmutz auf den festgefah-      lianstraßen-Kreuzung mit vier Ausgängen wird
               hatte dann keinen früheren Termin parat. Nach-  vom  „Augustinerkeller“  längst  stehen  würde.                     renen Stufen steigt von Jahr zu Jahr. Niemand  mehrere Millionen Euro gekostet haben – ein
               barn, Standlfrauen und Lokal-Prominenz feier-   Ätsch.                                                              macht was, keiner ändert was. Es ist eine Häß-  vermeidbar rausgeschmissenes Geld. Die Be-
               ten  das  neue  „Aufstelldatum“:  Bundestags-                                                                       lichkeit der übelsten Art und man muss sich  hörde ignoriert es. Obdachlose haben sich in
                                                                                                                                   als Münchner schier dafür schämen. Inzwi-       der Boulevard-Hölle, die übrigens wasserdicht
                                                                                                                                   schen wird allerdings schon von Kunst gespro-   ist, noch nicht niedergelassen. Passagen-Ein-
                                                                                                                                   chen- von „Kunst im öffentlichen Raum“. Das  gänge an Einkaufsstraßen sind halt doch ge-
                                                                                                                                   steht zumindest auf einem gelben stummen  mütlicher und bevorzugt.



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